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Aus anderen Quellen




          IT in Schulen:


          Margie und die Lernmaschine




          Medientechnik als Steuerungsinstrument von Lernprozessen



          Der russisch- amerikanischer Bioche-  cher ein altes Buch und erzählt der elfjäh-  Unterrichtsmaschinen
          miker und Science-Fiction-Schrift-  rigen Margie, was drinsteht. Dass es früher   und Lerngutprogrammierung*
          steller Isaac Asimov (1920-1992) inte-  Geschichten nur in solchen gedruckten
          ressierte sich früh für die sogenannte   Büchern gab und die Schule ein Ort war, an   Bereits um 1910 wurden im amerikani-
          „Künstliche Intelligenz“ (KI) und Robo-  dem menschliche Lehrer in einem Klassen-  schen Rochester erstmals Filme im Unter-
          ter. In der Geschichte „Die Schule“ von   zimmer einer ganzen Gruppe von Kindern   richt verwendet. Thomas Edison prokla-
          1954 beschreibt er, wie die Schule der   etwas beibrachten.          mierte daraufhin begeistert, dass Bücher
          Zukunft aussieht – oder genauer: dass   Das kann Margie nicht glauben und bettelt   demnächst  überflüssig  würden,  weil  bald
          es gar keine Schulen mehr gibt.   darum, das Buch selbst zu lesen. Doch die   jeder Zweig des menschlichen Wissens
                                            Mutter ruft sie zur Ordnung, sie müsse an   durch Bewegtbilder lehrbar sei. 1923 veröf-
                         Jedes Kind hat neben   ihre Schulmaschine. Während sie wieder   fentlichte der renommierte Experimental-
                         seinem Kinderzimmer   alleine vor ihrer mechanischen Lernma-  psychologe Edward Thorndike ein Buch
                         im Elternhaus einen   schine sitzt, stellt sich vor, wie es wohl wäre,   und schlug darin einen Apparat vor, der erst
                         kleinen  Schulraum, in   mit anderen Kindern zusammen in einem   dann  ein  Häppchen  Lernstoff  nachliefere,
                         dem es ein „mecha-  Klassenraum zu lernen, gemeinsam zu   wenn das vorangegangene verdaut und
                         nischer Lehrer“ (einer   spielen und sich gegenseitig zu helfen.   abgeprüft sei. Dieses Prinzip heißt bei heuti-
                         Maschine mit Bild-                                    gen Plattformen wie Moodle „Lernpfad“.
                         schirm und Schlitz   Daraus  leitet  sich  der  Schlusssatz  der   Der Dozent gibt vor, nach welchen Krite-
                         zum Einwerfen der   Kurzgeschichte ab: „She was thinking   rien wann welche Lehrmittel freigegeben
                         Hausaufgaben) unter-  about the fun they had“.        werden.
                         richtet. Diese Lehrma-
                         schine sei perfekt auf   Es zeigt, dass die Vertreter der Automati-  Erziehung habe, so der Psychologe Pres-
                         die Fähigkeiten jedes   sierung und Steuerung von Lernprozessen   sey, der 1926 eine der ersten Lehrmaschi-
                         Kindes eingestellt und   unter dem Stichwort „Künstlichen Intel-  nen konstruierte, den geringsten Wirkungs-
          Isaac Asimov   könne es so optimal   ligenz“ (KI) schon in den 1950er Jahren   grad aller denkbaren Unternehmungen.
          © wikipedia gemeinfrei  beschulen.   daran glaubten, Schule und Unterricht   Darum müsse der Lehrbetrieb arbeits-
                                            an Rechner und Algorithmen delegieren   wissenschaftlich  optimiert  werden.  „Im
          Heute heißt das „individualisiertes“ oder   zu können – und dass selbst Kinder wie   Klartext: Wie bekommt man mit möglichst
          „personalisiertes“  Lernen.  Die  Denkfigur   Margie eine Vorstellung davon haben, dass   wenig  Ressourcen  möglichst  viel  Stoff
          dahinter ist identisch: Eine Rechenma-  es besser wäre, gemeinsam zu lernen statt   möglichst schnell in die Köpfe?“ (Pias 2013).
          schine, die für jeden Menschen die jeweils   alleine an einer Maschine zu sitzen, obwohl   Schon Pressey war sich bewusst, dass
          passenden  Lerneinheiten  berechnet  und   sie das gemeinsame Lernen gar nicht   seine Vorschläge „sentimentale Gemüter
          alle zum (vom System oder Programment-  kannten.                     zum Protest gegen die Erziehung durch
          wicklern) vorgegebenen Ergebnis führt.

          Asimov  beschreibt mehr als  ein  halbes
          Jahrhundert vor den heutigen Lernma-
          nagement-, genauer: Lernkontrollsyste-
          men einen Apparat, der sowohl Lernziele
          wie passende Lernmethoden und die
          notwendigen Lernschritte vorgibt und
          auch  Hausaufgaben  korrigiert. Diese
          Maschine ist in Funktionsweise und Ziel-
          vorgaben für Nutzer (Schülerinnen und
          Schüler)  wie  Eltern  intransparent  –  und
          autoritär. Zugleich wird Lernen auf auto-
          matisiert Prüfbares reduziert. Selbstbe-
          stimmtes Lernen, Neugier oder eigene
          Interessen sind nicht vorgesehen. Und so
          geht die Geschichte weiter: Ein 13-jähriger
          Junge  findet  beim  Spielen  auf  dem  Spei-
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